07 Feb. Mit dem Fahrrad übers Eis
Mit dem Fahrrad übers Eis
Baltrum 1954
Onno Ulrichs erinnert sich
Aus Erinnerung schreibe ich über die Fahrradreise von meinem Vater und mir am 07. Februar 1954 von Ostermoordorf nach Baltrum.
Wir fuhren von Ostermoordorf am Sonntag, dem 7. Februar 1954, gegen 9:30 Uhr aus dem Hause, bei Sonnenschein, teilweise blauem Himmel und östlichem Wind. Mein Vater trug Arbeitsschuhe, ich Kniestiefel – die Seestiefel von vor dem II. Weltkrieg lagen auf Baltrum im Keller; altersbedingt waren sie nicht mehr zu benutzen…
Es waren noch sehr viele Sandwege.
Der Weg führte von Ostermoordorf über Südcoldinne, Südarle, Arle, Dornum, Dornumergrode „Dreihusen“, über die Hellerflächen, dann über eine geschlossene, etwas wellige Eisfläche, glatt, mit etwas Wasser. Die Sonne spiegelte sich teilweise darin. An östlicher und westlicher Seite waren kleine Hügel aufgespült.
Ich habe in Erinnerung, dass die geschlossene glatte Eisfläche sich durch die Tide anhob und dann wieder senkte. Eventuell so, als ob eine große Holzplatte auf einem Teich schwimmt, wobei das Wasser wie bei einer Tide sich hebt und senkt.
Wir sind über die Eisfläche bis zum BK-Heim gefahren, dann wenig später bei meiner Oma und Tante Dora im Haus Nr. 20, dem heutigen ,,Café Tant‘ Dora“, angekommen.
In Ostermoordorf hatten wir noch kein Telefon. Wir waren also nicht angemeldet. So gegen 16:45 Uhr sind wir wieder zurückgefahren. Wir waren ja mittags und nachmittags bei meiner Tante gut bzw. sehr gut versorgt worden.
Bis an der „Hellerskante“ in Neßmersiel lief es wie gewünscht. Glattes Eis wie vormittags. Aber jetzt war das Eis da etwas brüchig, der etwas höhere Wasserstand am Nachmittag war daran schuld. Vorsichtshalber trug ich zunächst über diese Eiswasserfläche die Räder, die Rücksäcke und zuletzt meinen Vater. Vater konnte noch trockenen Fußes an Land, an die feste Eiskante, gesetzt werden. Dabei bin ich aber eingesackt. Die Stiefel waren voll, wurden geleert, die Heimreise konnte angetreten werden, und es war dieselbe Strecke zurück vom Vormittag. Gegen 20:30 waren wir zu Hause.
Die Räder wurden in der Waschküche gewaschen, trocken gerieben und eingefettet. Gerostet haben sie trotzdem in kurzer Zeit.
Auch die Nacht vom 7.2. auf den 8.2.1954 war noch sehr kalt. Die nächsten Tage waren milder, der Winter war vorbei und damit auch die Fahrten über die geschlossene Eisdecke. Am nächsten Morgen durfte ich wieder mit dem Fahrrad von Ostermoordorf (5:00 Uhr)·nach Nadörst fahren (ca.11 Kilometer), dann mit dem Zug nach Emden, zu Fuß zu den Nordseewerken als Maschinenschlosserlehrling. Gegen cirka 18:50 Uhr war ich abends wieder zu Hause. Wir durften auch samstags arbeiten, dann war ich gegen 16:15 Uhr zu Hause.
Die ganze Woche hatten wir an vielen Tagen eine Winterwetterlage mit typischem Ostwind von ca. 7m / see und den ganzen Tag Sonnenschein (8,3 Std) und einigen Wolken bei hohem Luftdruck. Es war richtig kalt mit -2,2 bis -8,9 Grad. Am 01. Februar waren es sogar -14,3 Grad gewesen! Daher war das Wattenmeer auch eine geschlossene Eisdecke. Es war eben beständig kalt bei östlichem Wind.
Somit war das Radfahren von Ostermoordorf nach Baltrum und zurück über das Eis auch ein Vergnügen. Danach hat es bis zum heutigen Tag ein solches Vergnügen noch nicht wieder gegeben.
Teilnehmer:
Vater: Ulrich Ulrichs, geb. 19.02.1903
Sohn: Onno Ulrichs, geb. 04.06.1933 (Pfingstsonntag)
Daten: vom BSH, bezogen auf Norderneyer Hafen, seinerzeit nicht Norderneyer Riffgat; telefonisch erhalten im April 2020
Sonntag 07. Februar 1954: Hochwasser 14:14 Uhr, Wasser ½ m unter Normalhochwasser
Die anderen Daten habe ich von Johannes Behrendt am 30. April 2020 erhalten.
Windrichtung Ost von ca. 7 m / see.
Johannes Behrendt ist der Sohn vom Baltrumer Arzt Dr. Paul Behrendt.
Er hat seine Jugend und Schülerzeit (Gymnasium Norden) auf Baltrum verbracht.
Er ist Meteorologe geworden in Frankfurt/Offenburg beim Deutschen Wetterdienst.
Onno Ulrichs im Mai 2020
Die Eiswetterlage Ende Januar/Anfang Februar 1954 hatte die Ostfriesischen Inseln und das Wattenmeer fest im Griff. „Seit dem 23. Januar war es richtig kalt, und die Kälte hat so bis zum 22. Februar angehalten (nur am 14 und 15.02. war es etwas wärmer). Vom 29.1. bis 31.1. hat es auch noch etwas geschneit, so dass es auf Baltrum und dem Festland eine schöne Winterlandschaft gegeben haben sollte,“ hat Johannes Behrendt ausgewertet.
Zahlreiche Radfahrer hatten sich schon am letzten Januarwochenende über das Watt von Dornum aus nach Baltrum aufgemacht, war im Ostfriesischen Kurier am Dienstag, dem 2. Februar 1954 zu lesen. Die Wattfahrt mit dem Fahrrad dauerte nur drei Viertel Stunden: „Solche Fahrten und Wanderungen zur Winterzeit nach Baltrum sind ein besonderes Erlebnis. Am heutigen Dienstag veranstaltet der Heimat- und Verkehrsverein Dornum eine Wattwanderung nach Baltrum. Älteren Einwohnern werden wieder die Wattwanderungen und -fahrten des kalten Winters 1929 in Erinnerung gebracht.“ Und auch von Neßmersiel aus sollen Wattwanderer das Eis nach Baltrum gequert haben.
Die Insel Juist wurde bereits von Luft aus versorgt, nach Norderney fuhr noch der Dampfer der Frisia. Über die „Lage der Baltrumer“ berichtete der Kurier am 8. Februar, „dass alles beim alten sei. Heute marschiert wieder eine Expedition zum Alexandrinenhof, um Post für das Eiland zu übernehmen. Gestern fuhr der Baltrumer Feuerwehrwagen über das vereiste Watt zum Festland, wo die Insulaner in Dornum und Norden wichtige Lebensmittel einkauften. Der Verkehr über das Eis von und nach Baltrum wird als ‚zügig‘ bezeichnet.“
Die Baltrum-Linie hatte unter der Führung von Kapitän Ulrich Meyer einige Wattgänger-Expeditionen zum Post-, Medikamenten- und Lebensmittelholen losgeschickt. Der Marsch von und zur Insel dauerte jeweils rund anderthalb Stunden. „Wenn die Schiffe nicht mehr fahren können – das letzte erreichte Baltrum am Dienstag – dann gehen Kapitän und Mannschaften eben durch bzw. über das Watt“.
Am Dienstag, 2.2.1954, war der Großheider Viehkaufmann Bernhard Schmidt mit einem dreirädrigen Kraftwagen über das zugefrorene Watt nach Baltrum gelangt (Foto). Ein Esel hatte dringend Futter gebraucht! Schmidt sei mit „45 Sachen“ übers Eis nach Baltrum gefahren, hatte der Kurier ein paar Tage später herausgefunden (Kurier vom 5. Februar 1954).
Foto: Stadtlander, Ostfriesischer Kurier 5.4.1954
Quelle: Onno Ulrichs
